Tagebuchmomente 2008 – 2010

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geschrieben am 23. Juni 2010

Heute ist Sommer ( Balkongedanken)

Mein Balkon ist in warmes Licht getaucht.
Die Sonne hüllt mich ein, vom Kopf bis zu den Zehen. Schenkt mir ein Wohlgefühl. Ich genieße es.
Vögel zirpen fröhlich ihre Lieder.
In der Nähe wird gemächlich gehämmert und bei der Arbeit gepfiffen.
Irgendwo nebenan unterhalten sich Menschen in ruhigem, freundlichen Ton.
Hin und wieder trotten Autos vor dem Haus die Straße hinunter…
Schöne Atmopshäre heute. Nicht zu still, gemütlich friedlich.

Und ich sitze hier und genieße. Schließe die Augen, lasse alles auf mich einwirken.

Gestern noch voller Power, viel erledigt, den freien Tag genutzt -
heute auch noch arbeitsfrei, aber völlig ohne Energie, ohne Kick irgendwas anzupacken.
Egal.
Gib deinem Körper, was er braucht.
Gestern brauchte er Bewegung, drängte nach Rumwerkeln, hier und dahin gehen, fahren …
heute braucht er Ruhe, will sich entspannen, will nur sitzen und genießen, Gedanken schweifen lassen.

Nächstes Jahr werde ich 50 Jahre alt. Erwische mich schon jetzt dabei, dass ich Bilanz ziehe. was hab ich geschafft, was nicht, was kann ich noch verbessern, wofür ist es zu spät. Besser wäre, nur das zu sehen, was man in der Vergangenheit bewältigt hat, stolz auf all das zu sein, was man gepackt hat.
Aber ich wäre nicht ich, wenn ich so denken würde.
Der Miesmacher in mir führt mir vor Augen, was hätte sein können, was ich verpasst habe.
Und hat mal wieder erreicht, dass ich rumgrübele, was geht noch, was kann ich verändern und vor allem: was will … ich verändern .

Doch mein Kopf ist heute zu träge, um Entscheidungen zu treffen. Und der Tag zu schön, für trübe Gedanken.

Ich schneide dem Miesepeter schnipp schnapp die Leitung ab. So.
Und dem Notruf meiner Bügelberge antworte ich mit einem gelassenen `Komme heute irgendwann mal vorbei, so gegen Abend.´
So.
Heute ist Sommer.
Und ich sitze hier und genieße ihn.

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geschrieben am 1. März 2010

Verlustängste

Wer sich
immer wieder
selbst verliert,
läuft Gefahr,
sich irgendwann
nicht mehr
wiederzufinden.

° W.P.

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geschrieben am 18. August 2009

Carpe diem

Allein mit mir
an diesem Morgen,
endlich wieder;

Kochen erst heut Nachmittag,
zur Arbeit erst heut abend,
Wohnung ist aufgeräumt,
Wäsche flattert im Wind,
Zeit für mich.

Streife durch die Blogs,
lese ohne Hast,
hinterlasse meine Spuren;
Schreibe, schreibe, schreibe,
auch ein bißchen hier

Freue mich,
mal wieder da zu sein,
wo ich am liebsten bin:

in mir .

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geschrieben am 3. August 2009

Meine `First Lady´ (Balkongedanken)

Und da war sie wieder, gerade eben hat sie mich wieder besucht, meine `First Lady´. ..
Wie bei ihrem ersten Besuch vor einigen Tagen schwebte sie wie im Sturzflug so urplötzlich auf mich zu, dass mir der Atem stockte. Sobald sie sich auf dem Balkon-Geländer nieder gelassen hatte fing mein Herz an zu rasen, vor Angst, ob sie mich wieder mit scharrenden Flügeln und weit aufgerissenen, blutunterlaufenden Augen ansehen würde.
Der Schreck saß mir noch in den Gliedern vom letzten Mal. Da hatte ich echt Angst, sie würde jeden Moment auf mich zufliegen und auf mich einhacken. Doch sie hatte nur irgendwas gegurrt, sich dann so pfeilartig wie sie hierher gekommen war wieder in die Lüfte erhoben und als wäre nix gewesen, wieder auf `íhrem´ Dach-First niedergelassen.

Heute hat sie mich nur kurz angesehen, mit nur halbgeöffneten Augen, nickte mit dem Kopf in meine Richtung (als wenn sie mir sagen wollte: das hast du gut gemacht…hmmh … vielleicht meinte sie den Schreibauftrag, den ich kurz vorher abgeschickt hatte *grübel**lach*) – dann putzte sie noch kurz ihr Gefieder und schwupps, war sie schon wieder weg, meine´First Lady´, zurück zu ihrem First.

… Vielleicht ist sie ja eigens von irgendwoher angereist, um mir irgendwas mitzuteilen, was ich nicht verstehen kann, weil ich kein `Tauberisch´ verstehen und sprechen kann, vielleicht kann ich es ja und weiß es nur noch nicht… vielleicht wurde sie von `Hogwarts´ aus zu mir geschickt, vielleicht braucht Harry Potter meine Hilfe, aber ich bin doch keiner von ´denen´… oder weiß ich vielleicht nur noch nicht, dass ich `einer´ bin, bin ich vielleicht gar kein `Muggel´, wie ich bisher annahm… ?

Oh, Gott, oh Gott, nun aber nix wie rein, ab in die Küche, bevor ich gleich noch Hexenbesen und Dementoren am Himmel sehe und …

Husch… Bin schon weg …

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geschrieben am 23. Oktober 2008

Herzgefühle

Morgensonne taucht die Bäume in goldenes Licht und wirft güldenen Schein, wie flüchtig, über Häusergiebel. Obwohl es noch kühl draußen ist, scheint es doch warm.
Fröhlich und freudig hüpft mein Herz, einfach so, ohne Grund. Es braucht scheinbar keinen Grund, um fröhlich zu sein. Befindet sich im “Ist-Zustand”, ist nicht traurig oder ängstlich, sondern `ist fröhlich´, `ist erfreut´. Heute. Einfach so.

Wie schön, dass das Herz nicht kontrollierbar ist und keinen Grund für Empfindungen braucht, sondern einfach nur fühlt. Sonst wäre es heute nicht fröhlich, weil es keinen Grund zur Fröhlichkeit gibt, würde nicht freudig hüpfen, sondern unruhig pochen, mir beklemmende Ängste senden, die ich eigentlich spüren müsste und gestern noch gespürt habe – aber nun sind sie weg.
Ich spüre Freude, weiß nicht warum. Und denke nicht darüber nach, genieße nur.
Freue mich, weil mein Herz sich freut. Einfach so. Freue mich, weil ich seine Freude empfinden kann.

Hallo Tag, hallo Leben, seid herzlich willkommen, in meinem Herzen. In mir.

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geschrieben am 14. August 2008

Auf ihn ist Verlass

Blumen und Bäume wiegen sich im Wind. Die Luft ist kühl und klar, voller Sauerstoff, belebt Körper und Geist.
Kräftige Sonnenstrahlen wärmen mir wohltuend den geplagten Nacken. Die Sonne lächelt mir zu. `Es ist Sommer´, will sie mir sagen…
Ich lasse sie in dem Glauben – wohlwissend, dass ihre Kraft schon bald nachlassen wird… Denn auf ihn ist Verlass. Er kommt pünktlich. Hat seine Fühler schon weit ausgestreckt.
Ich kann ihn schon riechen, den Herbst.

Ihn kümmert´s nicht, dass der Frühling sich erst so spät im Jahr zum Einzug bequemte, und schon nach kurzer Zeit dem Sommer das Zepter übergeben musste. Es ist ihm auch einerlei, dass der Sommer die ihm zugeteilte Zeit nicht nutzte, sie mit seiner Wankelmütigkeit vergeudet hat.

Pünktlich hat er sich auf den Weg gemacht. Schickt seine Farben als Vorhut voraus. Mit fester Entschlossenheit marschiert er ins Land.
Der Herbst, er kommt, mit Riesenschritten. Zur rechten Zeit.
Auf ihn ist Verlass.

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geschrieben am 15. Juli 2008

18 Jahre …

Als er geboren wurde, sagte meine Mutter zu mir: “Tja, nun ist er da, nun muss er nur noch groß werden!”
- Tja, und nun ist er `groß´. Mein Sohn. Heute ist er 18 Jahre alt geworden.

Heute morgen haben wir seinen Führerschein beim Straßenverkehrsamt abgeholt. Ab heute darf er selbst ein Auto fahren, auch ohne, dass Mama oder Papa als Aufsicht daneben sitzen. Ab heute ist er volljährig … aus einem kleinen Baby, dass mich Tag und Nacht auf Trab hielt und nie schlafen wollte – ist innerhalb von 18 Jahren ein junger, erwachsener Mann geworden, der tagtäglich zur Arbeit fährt, demnächst mit seinem eigenen Auto…
Kaum zu fassen.
18 Jahre – wo sind sie hin? Sie sind so schnell vergangen. Und dennoch, scheint mir – als wären sie ein unendlich langer Zeitraum, in dem ich mehrere Leben gelebt hätte…

Ein denkwürdiger Tag…

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geschrieben am 17. März 2008

Abendstille

Es ist still. Nur der Pc surrt. Aus der Ferne gedämpfte Geräusche von der nahe liegenden Autobahn. Nicht unangenehm. Eher beruhigend. Friedlich. Gemächlich dahingleitend.

Gemächlich dahin gleiten nun auch meine Gedanken…

Ein harter Tag neigt sich dem Ende zu.
Ein Tag, der trotz nagender Sorgen mit kleinen Erfolgserlebnissen begann.
Ein Tag, in dessen Verlauf ich urplötzlich und unbeabsichtigt gegen Windmühlen kämpfen musste. – Und verlor.
Ein Tag, der unerwartet fröhlich endete – mit Spaß, zusammen mit anderen, gemeinsamer Freude an einem hochinteressanten Fussballspiel, das die deutsche Elf erfolgreich ins Halbfinale der Europameisterschaft trug.
Ein Tag, der mir wieder bewusst machte: Das Leben geht weiter, einerlei was passiert.
Auf Regen folgt Sonnenschein, auf Kummer kann Freude folgen, wenn man es zulässt.

Alles wird gut.

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geschrieben am 17. März 2008

Der schwarze Mann

Es ist ein trüber Nachmittag, ich bin auf dem Weg zur Post.
Ein Fremder fährt mit einem, für seine Körpergröße zu kleinen, Fahrrad gemächlich die Straße entlang, wirft mir einen kurzen Blick zu, als ich mit dem Auto an ihm vorbei fahre. Sein schwarzes Gesicht macht einen besorgten, leicht abwesenden Eindruck. Irgendwas macht ihm wohl Kummer. Seine Miene prägt sich mir ungewollt ein.
In der Ortsmitte begegnet er mir zum zweiten Mal, als er aus einer Seitengasse auf die Hauptstraße einbiegt. Scheinbar hab ich mich ihm ebenso eingeprägt. Denn ein Anflug des Erkennens huscht über sein, immer noch besorgtes, Gesicht, als er zu mir herein blickt.
Dreimal ist göttlich, sagt man. Und so ist es dann auch.
Als ich vor der Postfiliale mein Auto parke, stellt er dort gerade sein Fahrrad ab und beeilt sich, wahrscheinlich um vor mir drinnen zu sein. Ich habe keine Eile, lasse ihm kampflos den Vortritt.

Eine lange Warteschlange empfängt uns. Ich stöhne innerlich. So viel Zeit hab ich eigentlich auch nicht, um hier ewig zu warten. Doch ich übe mich in Geduld und stelle mich hinter dem schwarzen Mann an.
Lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Bleibe mit den Augen auf der linken Hand des Mannes vor mir hängen. Er hält krampfhaft ein Büchlein fest. Es ist dunkelblau. So was wie “Republique Uganda” kann ich darauf lesen… Was nicht bedeutet, dass ich ihm neugierig über die Schulter geschaut hätte, um ihn auszuspionieren. Nein. Es ist nur einer dieser Momente, in denen meine Augen sich von meinem Hirn distanzieren und geistesabwesend das nahe Umfeld gestochen scharf, wie mit Adleraugen, taxieren. Was mir meist peinlich ist, wenn ich “aus der Trance erwache” und mir klar wird, dass ich mal wieder irgendwen oder irgendwas eingehender betrachtet habe, als es `schicklich´ ist und ich es im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte tun würde.
Schnell senke ich den Blick nach unten, starre vor mich auf den Boden. Ist mir peinlich, die Situation. Bestimmt hat er gemerkt, wie ich auf den Pass gestarrt habe.

Schneller als erwartet finde ich mich an der Spitze der Warteschlange wieder. Nur der Mann aus Uganda ist noch vor mir. Und was dann kommt, versetzt mir einen Adrenalinstoß, urplötzlich bin ich hellwach, meine Sinne stehen alle auf Empfang, das erste Mal an diesem Tag.
“Ich kann ihnen kein Geld aushändigen” erklärt ihm die Postbeamtin so laut, dass ich zusammenzucke. Eigentlich ist es kein Sprechen, sondern eher ein Rufen, so, als wäre das Anliegen des Farbigen für jedermanns Ohren bestimmt.
Er hätte aber doch alles ordnungsgemäß ausgefüllt, antwortet er.
Trotz gebrochenem Deutsch kann er sich erstaunlich gut mitteilen. Bestimmt lebt er schon lange hier, folgert mein Hirn daraus.
“Aber das nützt nichts”, klärt die Beamtin ihn, wieder laut rufend, auf. “Da muss die Frau schon selbst hierher kommen, wegen der Unterschrift.”
“Aber sie hat doch unterschrieben”, antwortet er leise und deutet auf ein Formular.
“Ja, schon, aber sie muss hier auf der Post noch einmal unterschreiben, sonst kann ich das Geld nicht rausgeben.”
Aha. Wenn die Frau aus Uganda Geld abheben will, muss sie also selbst kommen, eine Vollmacht reicht nicht aus.
Er nickt, hat verstanden. Und ich auch. Und ebenso die anderen anwesenden ca fünfzehn, unfreiwillig zuhörenden Personen.
Es kostet mich große Willensanstrengung, das aufkommende Jucken in meinem Hals zu ersticken, das ein lautes Loslachen zur Folge hätte, würde ich ihm nachgeben. Denn nun erst wird mir klar, warum die Postbeamtin so laut spricht, ruft, fast brüllt.

Hier spielt sich wieder einmal dieses merkwürdige Phänomen ab, das mir schon des öfteren begegnet ist: Viele Deutsche sprechen mit Farbigen so laut, als wenn sie es mit einem Halbtauben zu tun hätten. Und dies nicht, um mit ihnen herumzubrüllen, sondern rein intuitiv, weil sie denken, dass sie ihnen die deutsche Sprache mittels gehobener Lautstärke schneller und besser verständlich machen könnnen. Dabei sind schwarzfarbige Menschen ja nun nicht automatisch taub auf den Ohren, sondern können uns durchaus auch hören, wenn wir in normaler Lautstärke sprechen. Sie können nur den geistigen Inhalt unserer Worte nicht immer verstehen, weil sie der deutschen Sprache meist nicht vollends mächtig sind. Anstatt die Lautstärke der Stimme während dem Gespräch stetig zu steigern, wäre es also sinnvoller, sich um einfache Wortwahl zu bemühen, damit sie verstehen. Doch intuitiv geht der deutsche Mensch das Problem der Verständigung meist mit dem erstbesten, ihm zur Verfügung stehenden Mittel an: mit der Kraft seiner Stimme.

Bevor der Mann aus Uganda die Postfiliale verlässt streift er mich noch mit einem kurzen Blick. Ich kann nicht fassen, was ich sehe. Er grinst! Zwar verhalten, aber ich kann es deutlich erkennen. Und mir scheint sogar, er kann sich, ebenso wie ich, ein lautes Lachen kaum noch verbeißen. Er hat das Geschrei der Beamtin also zum Glück nicht persönlich genommen, sondern wohl nur mal wieder erlebt, was ihm vermutlich häufig widerfährt. Ärgert sich aber nicht darüber, sondern nimmt es mit Humor. Er nickt mir noch mal kaum merklich zu, so als wenn er sich mit einem “Tschüß” von mir verabschieden wolle.
Ich nicke ihm ebenso verabschiedend zu. Dann verlässt er die Filiale.
Seine Augen sind nun nicht mehr besorgt, sondern sehen ein wenig entmutigt, mit einem “hab mir schon gedacht, dass das nicht geht” – Blick drein. Wahrscheinlich hatte er von vornherein nicht erwartet, dass man ihm das Geld aushändigen würde.

Nun bin ich dran. Hab einen Moment Angst, dass ich nun auch angeschrien werde. Aber nein. Die Beamtin hat im Nullkommanix von Ausländisch auf Deutsch umgeschaltet, nimmt mir meine Briefe ab, stellt mir in leisem Ton die routinemäßige Frage, auf die sie sich, wie immer, selbst innerhalb der Frage eine Anwort gibt: “Sie brauchen eine Quittung?” Ich nicke. Packe dann den Zettel und verlasse ebenfalls den Raum.

Der Mann aus Uganda setzt sich soeben auf sein Fahrrad. Er lacht still vor sich hin. Sein Kopf winkt dabei hin und her. So als hätte er Mitleid mit der Frau da drin, dieser armen Frau, die nicht weiß, dass Verstehen nichts mit der Lautstärke der Stimme zu tun hat.
Mir scheint, der Mann ist während der Zeit in der Postfiliale gewachsen. Er kommt mir nun größer, stärker vor. Und ich habe urplötzlich tiefen Respekt vor diesem schwarzen Mann auf seinem kleinen Fahrrad. Respekt vor der Gelassenheit, mir der er ruhig hin nahm, dass eine Deutsche auf ihn einbrüllte. Respekt vor seinem Verständnis dieser Situation gegenüber.
Ich sehe ihm nach, als er die Straße hinauf radelt. Frage mich, wie es nun weitergeht, mit ihm und der Frau aus Uganda, für die er Geld abheben sollte. Warum ist die Frau nicht mit zur Post gekommen? Vielleicht ist sie schwer krank, kann diesen Weg nicht auf sich nehmen. Und was dann? Muss sie nun verhungern, weil sie ihr Geld nicht selbst abheben kann?
Ich setze mich ins Auto, mache mich auch auf den Weg. Mit einem anderen Gefühl, als dem, mit dem ich hier angekommen bin. Bin nachdenklich geworden.

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geschrieben am 18. Januar 2008

Ansichtssache

Vor mir steht ein Glas, gefüllt mit Saft. Ursprünglich war es bis zum Rand gefüllt. Mittlerweile habe ich die Hälfte schon getrunken. Und so sehr ich auch versuche mich dagegen zu wehren, taucht nun doch wieder die nervende Frage auf: ist das Glas nun halb voll – oder ist es halb leer?

So oft habe ich mich schon mit dieser Frage beschäftigt und jedes Mal komme ich zu dem selben Schluß: Es ist Ansichtssache. Stimmungsabhängig. Wenn ich gut drauf bin zwinkert es mir bekräftigend zu: “Ich bin noch halb voll, hab noch Power!”. Bin ich aber in einem Stimmungstief dann flüstert es mir leidend zu: “Ich bin schon halb leer, es geht zu Ende mit mir…”
In welcher Stimmung bin ich heute?
Weiß nicht so genau.
Ich denke darüber nach – und genehmige mir noch einen Schluck.
Nun ist das Glas nur noch ein Viertel voll – oder dreiviertel leer?
Mein heute scheinbar mit Wattebäuschen gefülltes Hirn ist sich sicher: `Das Glas ist schon dreiviertel leer… gib´s auf Wally… die Gedanken schleichen immer zäher, die Finger tippen immer langsamer…. Dein `Saft´ neigt sich dem Ende zu. Gib dich geschlagen, für heute.´
Mein Bauch aber rebelliert. Er ist anderer Meinung. “Nicht aufgeben, sondern auffüllen!” meint er. “Denn alles was leer ist, kann man auch wieder auffüllen. Man muss es nur wollen!” – Da hat er wohl ein bißchen recht.

Stur wie ich bin, sage ich trotzig dem Glas den Kampf an. Und trinke es ratzeputz aus. So. Nun ist es leer. Und wenn ich möchte, kann ich es einfach wieder auffüllen. Basta. So einfach ist das!
Wenn ich möchte. Ich möchte aber nicht. Will jetzt keinen Saft mehr, hab genug getrunken. Bin voll des Saftes, sozusagen, fühle mich gekräftigt, körperlich und geistig….
Aha!…Also, um so leerer das Glas wird – umso mehr füllt sich die `Poweranzeige´für Körper und Geist auf?
So könnte man die Sache auch sehen. Ein neuer Aspekt. Äußerst positiv, finde ich. Aus diesem Blickwinkel gesehen, bringt ein halb leeres Glas also mehr Power, als ein halb volles Glas?…Hmh…
Ansichtssache. Sag ich doch.

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geschrieben am 9. Januar 2008

Krieg der Welten

Von einer Sekunde zur anderen bin ich umzingelt von beißender, unangenehmer Helligkeit. Sie blendet mich, macht mich blind. Der Schreck fährt mir erstarrend in die Glieder. Ich brauche einen Moment, um mich in dieser ungeahnten Situation konzentriert zu orientieren.
Wie Ufos aus einer entfernten Galaxie rasen sie auf mich zu, weiße Lichter, die aus sämtlichen Richtungen auf mich einzustürmen scheinen. Dabei sind sie eigentlich nur hinter mir und neben mir. Und haben dennoch eine unheimliche Kraft, gebieterisch und kalt lächelnd allen Raum auszufüllen.
Furchterregend hell sind sie mir nah auf den Fersen, wenn ich in den Innenspiegel blicke. Ungeduldig, wie zum Angriff bereit, blenden sie mich, wenn ich es wage, einen Blick in den Außenspiegel oder auf die Gegenfahrbahn zu riskieren.
Bei dem Gedanken, dass ich bald zum Einordnen auf die linke Fahrspur wechseln muss, bricht mir der kalte Schweiß aus. Mein Herz beginnt ängstlich zu rasen.

Auch mein Sohn scheint sich nicht recht wohl zu fühlen. Regelrecht zusammengekauert verharrt er im Sitz neben mir, die linke Hand fest am Sitz, die rechte in den Haltegriff der Tür gekrallt. “Du fährst aber heute komisch, Mama..” , meint er mahnend.
Na danke, das hat mir gerade noch gefehlt! Ich weiß selbst, dass ich `komisch´ fahre, bin froh, dass die roten Rücklichter meines Vordermanns es mir zumindest möglich machen die Fahrbahn zu erahnen. Und das schwindende Vertrauen meines Sohnes in meine Fahrkünste verunsichert mich nur noch mehr. Ich erkläre ihm die Situation.
Er dreht neugierig seinen Kopf, um in den Innenspiegel zu blicken, zuckt sofort zurück. Und versteht. Schweigt. Krallt nun seine Hände noch fester an alles, was sich irgendwie als schützender Halt eignet.
Ich wappne mich innerlich, sage trotzig dem weißen, galaktischen Licht den Kampf an – und schwitze Blut und Wasser, als ich auf die linke Fahrspur wechseln muss.
Stelle dann überrascht fest, dass zumindest von der entgegen kommenden Autobahn her momentan nur “vertraute, warme Erden-Lichter” an mir vorbeirollen.
Ich nutze die Gunst der Sekunde für den nächsten Fahrbahnwechsel. Nochmal nach links… und lehne mich erleichtert zurück. Der `Schwarm der Ufos´ ist wohl urplötzlich in entfernte Galaxien abgetaucht. Denn um uns herum sind jetzt nur noch normale, angenehme Lichter.
Meinem Sohn entfleucht leise ein erleichtertes Aufatmen.
Unsere kleine Welt ist wieder in Ordnung, als wir an der Abfahrt `Rothe Erde´abbiegen, endlich runter von der Autobahn.

Hier auf der Landstraße ist unüblich viel Verkehr, für um diese Uhrzeit. Dichtes Gedrängel auf der dreispurigen Straße, was mich unter anderen Umständen ziemlich nerven würde – doch nach diesem Kampf der Galaxien auf der Autobahn, empfinde ich es fast schon entspannend, in dieser Blechkolonne nur langsam schleichend fahren zu können.
Hin und wieder säumen nun auch wieder grelle Ufo-Lichter unseren Weg, aber nur einige, wenige. Ich sehe ihnen gelassen lächelnd in die Augen, denn hier können sie mir keine Furcht einflößen. Sie haben ihre Gefährlichkeit vorübergehend verloren, sind vorerst schach-matt gesetzt – weil sie hier nicht rasen dürfen, sondern ebenso schleichen müssen, wie ich. Sie müssen sich anpassen, sich beugen, vor dem Gesetz dieser Straße… Ich kann es nicht verhindern, dass sich ein schadenfrohes Grinsen auf meinem Gesicht ausbreitet… Nun ja, ich bin ja auch nur ein Mensch.

Als wir vor der Schule ankommen habe ich mich von dem morgendlichen Schrecken fast wieder gänzlich erholt. Ich spüre deutlich, wie neu gewonnene Energie mich erfrischt… Oder ist es vielleicht eher Kampfbereitschaft, die mich vorsorglich durchströmt?…Denn nun bin ich mir der eventuellen Situation bewusst, die mich auf dem Rückweg auf der Autobahn erwarten könnte, bin ihr nicht mehr ungeahnt und urplötzlich ausgeliefert, sondern jetzt mit allen Sinnen dagegen gewappnet.
Mein Sohn hat sichtlich keine Lust auszusteigen. Kein Bock auf Berufsschule, verrät er mir. Er würde lieber zur Arbeit gehen. Der Lehrgang im Schweißen hat vor zwei Tagen begonnen, das macht ihm Spaß. Wir unterhalten uns noch ein paar Minütchen. Dann steigt er seufzend aus und macht sich auf den Weg in den unvermeidlichen Schulalltag.
Und ich mache mich auf den Weg zurück nach Hause.

Meine Hände trommeln ungeduldig auf dem Lenkrad und meine Füße jucken erwartungsvoll, als ich wieder auf die Autobahn auffahre. Ich bin nun mental bereit…zum nächsten Gefecht.

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