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geschrieben im März 2007
Was sich liebt, das muss sich finden…
“Was hast du getan? Bist du verrückt? Das ist doch noch viel zu früh!” Orakel war zutiefst entsetzt. “Du gefährdest meinen wohldurchdachten Plan!”
Agirus schob trotzig sein spitzes Kinn vor. “Wie lange willst du denn noch warten? Die beiden haben sich nun schon zwanzig Erden-Jahre nicht mehr gesehen. Wenn wir nicht endlich was unternehmen, dann wird das nie und nimmer was mit den beiden. Sie müssen sich nun endlich wieder begegnen. Darum habe ich für die Zwei den Treff-Regler eingeschaltet.” Er war ein wenig verlegen und tat so, als wäre er völlig vertieft in die Szenerie, die er auf dem Bildschirm beobachtete. “Und außerdem”, fügte er entschuldigend hinzu, ” außerdem werden sie wieder intensiver an den anderen denken, wenn sie sich nach all der Zeit wieder begegnet sind. Dann wird ihre Erinnerung aufgefrischt, sie durchleben wieder die Gefühle von einst…ach, Orakel, mir tun die beiden so entsetzlich leid!”
”Ja, mir tun sie auch leid”, gab Orakel zerknirscht zu. “Aber wir dürfen nichts überstürzen. Du kennst die Bedingungen: Damit sie das große Glück erleben dürfen, müssen sie vorher entsetzlich leiden und sich verzehrend nacheinander sehnen.”
Empört riss Agirus seinen Blick vom Bildschirm los und sah Orakel strafend an. “ Die beiden haben ja wohl genug durchleiden müssen! Keiner von beiden ist in den letzten zwanzig Jahren auch nur annähernd glücklich gewesen, beide sind vom Leben immer wieder enttäuscht worden, sie haben Krankheiten durchgestanden, haben beide gescheiterte Ehen hinter sich, mussten auf eigene Kinder verzichten, haben beruflich und privat herbe Enttäuschungen durchleiden müssen…”
“Ja, ja, ja! Die erste Bedingung haben sie mehr als erfüllt. Aber sie sehnen sich nicht nacheinander! Daran hängt alles, schon seit mehr als zehn Erdenjahren. Sie blockieren jeden Gedanken an den anderen. Der alte Groll steht noch immer zwischen ihnen. Das muss erst weg. Sie müssen sich selbst und gegenseitig verzeihen, eher haben sie das große Glück nicht verdient.”
“Und was spricht dagegen den beiden ein wenig nachzuhelfen?” Bittend sah Agirus seinen Team-Chef an. “Orakel, die beiden schaffen das nicht alleine! Wir müssen ihnen auf die Sprünge helfen!”
” Okay”, lenkte Orakel zögernd ein, “aber die beiden dürfen sich nur aus einer gewissen Entfernung wiedersehen! Sie dürfen sich auf keinen Fall nahe kommen, sich nicht gegenseitig berühren! Denn dann gibt es für die kein Halten mehr, und die ganzen Jahre waren für die Katz, weil sie sich dann bald wieder trennen werden. Sie müssen sich selbst und dem anderen verziehen haben bevor sie sich das erste Mal wieder berühren. Ist das klar?”
“Klar, Chef!” Freudig wandte sich Agirus wieder dem Bildschirm zu, schaltete den Zoom ein und legte seinen linken Zeigefinger behutsam auf den kleinen grünen Knopf, den er am liebsten von allen Schicksalsauslösern betätigte: den Blick-Magneten.
Orakel schnappte sich einen Stuhl, setzte sich neben ihn und sah gespannt auf den Bildschirm. Nach einigen Augenblicken des Schweigens war der richige Zeitpunkt gekommen. “Jetzt!”, schrie Orakel aus Leibeskräften. Und Agirus drückte den Blick-Magnet ein….
…Laura hatte schon minutenlang von der Treppe aus die Halle nach bekannten Gesichtern abgesucht, um ihre Arbeits-Kollegin zu finden. Als sich ihr Blick an einem ihr fremden Gesicht festsaugte konnte sie sich nicht erklären, warum. Wie gefesselt starrte sie den Mann an, der aus der Halle zu ihr hoch blickte. Trotz der Entfernung konnte sie genau erkennen, dass seine Augen von einem tiefen Braun waren. In seinem Blick las sie ungläubiges Erstaunen, dass sich mehr und mehr in ein warmes, zärtliches Lächeln verwandelte. Laura wurde seltsam zumute. Ein vertrautes Gefühl ergriff von ihr Besitz, dass sie nicht einordnen konnte. Wie verzaubert starrte sie ihn an, genoss die unerklärliche Wärme, die sich in ihr ausbreitete, sie seltsam freudig ausfüllte. Sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Lächelte. Ihr Herz pochte laut. Ihr schien, als würde er sich von der Menge lösen und auf sie zu kommen. Wie in Trance stieg Laura die Treppe hinab, ging ihm entgegen…
“Schluß! Aus!” Voller Panik schaltete Orakel den Blick-Magneten aus und schob den Aufwach-Regler langsam nach oben. Dann lehnte er sich erleichtert zurück. “Das wäre fast schief gegangen!”
Agirus saß wie erstarrt. “Ich hätte nie gedacht, dass die beiden nach all der Zeit noch eine solch starke Anziehungskraft aufeinander haben.” Er wischte sich erschöpft den Schweiß von der Stirn…
…Laura spürte, wie etwas an ihrem Arm zog. “Mensch, Laura! Ich hab dich überall gesucht, das Seminar fängt gleich an, wir müssen uns beeilen!” Laura ließ sich wehrlos von ihrer Arbeitskollegin die Treppe hinauf führen. Ihr Kopf fühlte sich an wie betäubt, sie fühlte sich wie in einem Traum. Und dann, urplötzlich, ging ihr ein Licht auf. Die Erkenntnis erschütterte sie bis ins Mark. “Maximilian”, entfuhr es ihr, “das war Max!” Sie riss sich aus dem Arm ihrer Kollegin los und lief zur Brüstung. Suchte die Halle nach dem vertrauten Gesicht ihrer Jugendliebe ab, dass sie nicht sofort erkannt hatte, weil es in den letzten zwanzig Jahren reifer, erwachsener und ernster geworden war. Doch die Menschenmenge in der Halle hatte sich aufgelöst. Nur noch wenige Leute eilten geschäftig durch die Halle. Ihr Herz wurde schwer. Max war weg. Nicht mehr da. Oder, war er vielleicht nie hier gewesen? Hatte sie einen Tagtraum gehabt? Max, schrie es in ihr, geliebter Max…Es war die schwerste Entscheidung in ihrem Leben gewesen sich damals von Max zu trennen. Sie hatte es für ihn getan. Aber er hatte es nie erfahren. Sie verspürte ein leises Ziehen in ihrem Herzen. Es war wehmütig und freudig zugleich und erfüllte ihren ganzen Körper…
“Jawohl!” Orakel und Agirus klatschten begeistert ihre Hände ineinander. “Es hat funktioniert!” Agirus war regelrecht euphorisch. “Und ich brauchte noch nicht einmal den Sehnsuchts-Treiber einzuschalten, sie hat es von ganz alleine geschafft!”
Orakel lachte erleichtert. “Das hat sie bestimmt eine Menge Kraft gekostet, die Sehnsucht nach ihm zuzulassen. Dafür hat Laura einen Sonderbonus verdient! Nun schalte mal um auf Max.” Er wurde nachdenklich. “Der ist so verbittert, dem müssen wir wahrscheinlich ein wenig nachhelfen, befürchte ich.”
Agirus schaltete den Zoom auf Max….
…”Max, nun komm endlich. Wir müssen los. Der Flieger wartet nicht! Was ist los mit dir?”
Max erwachte langsam aus dem Meer von Gefühlen, dass unerwartet auf ihn eingestürmt war. Er spürte wie sich seine Gesichtsmuskeln wieder verkrampften und in ihre gewohnte Starre zurückbildeten. ”Nichts, ist los”, gab er seinem Team-Kollegen kurz und knapp zurück, in der ihm eigenen frostigen Art, die keine weiteren Fragen gestattete. Seine Gesichtszüge hatte er, wie immer, schnell unter Kontrolle. Aber in seinem Inneren tobte ein Vulkan, der sich, so sehr er sich auch bemühte, nicht auf Knopfdruck auslöschen ließ. Es war Laura gewesen! Er war sich ganz sicher. Auch wenn sie äußerlich nichts mehr mit dem flippig-rebellischen 70-er-Jahre-Mädchen von einst gemein hatte, nun eher wie eine nüchterne Karrierefrau gekleidet war, so hatte er sie doch sofort wieder erkannt. An ihren Augen. An diesen wundervollen jadegrünen Augen, die ihn vom ersten Moment an gefangen genommen hatten. Damals. Und heute wieder. Nach all der Zeit hatten sie immer noch die Kraft ihn von jetzt auf gleich zu verzaubern. Trotz allem. Er schluckte. Und rief sich energisch die Erinnerung ins Gedächtnis. Die Erinnerung daran, wie sie ihn aus heiterem Himmel einfach abserviert hatte: “Ich mag dich sehr. Aber ich liebe dich nicht. Es ist besser, wenn wir uns trennen.” - Er spürte mit Genugtung, wie der Vulkan in ihm langsam erlosch. Ein zartes Glimmen war noch da, aber das würde auch bald vergehen. Ganz bestimmt. Aber vielleicht würde dann auch dieses seltsame Gefühl im Herzen verschwinden, dass ihn verfolgte, seit er den Blick von ihr gewendet hatte? – Es gefiel ihm, er würde es sich gerne bewahren. Dieses leise Ziehen, ein wenig wehmütig, eine Art freudiger Drang, wie er ihn lange nicht verspürt hatte. Ein schönes, süßes Gefühl, irgendwie. Ihm schien, um so weiter er sich von diesem Augenblick mit Laura wieder entfernte, umso stärker wurde dieses wunderbare Ziehen in seinem Herzen. Er ließ es zu, dass sich ein Lächeln auf seine Lippen legte. Dann stieg er ins Taxi ein.
Orakel grinste. ”Da hast du aber ganz schön nachgeholfen, mein Freund.” Und klopfte Agirus freundschaftlich auf die Schulter.
Agirus seufzte bedauernd. “Ja, aber ich hatte keine andere Wahl. Max ist eine harte Nuss. Schwer zu knacken. Du hast doch bestimmt auch bemerkt, wie er sich sofort wieder verschlossen hat, als Laura aus seinem Blick verschwand.”
“Ja, hab ich natürlich bemerkt. Sollte auch keine Kritik von mir sein. Da Laura es von selbst geschafft hat sich zu sehnen, ist das okay, dass wir die Dosis, die für sie bestimmt war dem Max zusätzlich gegeben haben. Das gleicht sich ja wieder aus.”
“Und, wie geht es jetzt weiter? Für wann planen wir den Show-Down?”
Orakel lachte. “Bevor wir den Zeitpunkt bestimmen, sollten wir erst einmal überlegen wie sich ihre Zusammenführung abspielen soll. Ich bin der Meinung, dass die beiden sich was ganz Besonderes verdient haben. Das sollten wir sorgfältig ausarbeiten und planen. Damit es auch so richtig schön wird”. Er knipste Agirus schelmisch ein Auge.
Agirus war außer sich vor Freude. “Ich habe gehofft, dass du das sagst! Und ich habe auch schon eine Idee!”
Und wie zwei ausgelassene Kinder, die einen lustigen Streich planen steckten sie ihre Köpfe zusammen. Tuschelten leise oder lachten so sichtlich vergnügt, dass selbst der kleinsten Wolke, die vorbeizog, klar war, dass ein großes, freudiges Ereignis bevorstand…
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geschrieben am 6. Dezember 2006
6. Dezember
“Ich kündige! Ich hab´s satt.” Wütend stapfte Nikolaus in die Scheune und warf die leeren braunen Leinensäcke lieblos auf einen Haufen. Früher war es ihm immer eine besondere Freude gewesen nach der Arbeit die Säcke ordentlich gefaltet in die Truhen zurück zu legen. Es hatte ihm stets Vorfreude auf das nächste Jahr vermittelt, wenn er die Säcke wieder auspacken und erneut mit kleinen Geschenken für die Kinder füllen würde. Das ganze Jahr über hatte er sich immer auf diese wenigen Stunden gefreut, an denen er den Kindern wieder ein kleines Stück Freude schenken durfte. Unzufrieden ließ er sich in seinen Schaukelstuhl fallen und wippte hektisch damit hin und her.
Schon seit ein paar Jahren machte ihm sein Ehrenamt nicht mehr so recht Spaß, denn anstatt freudig strahlender Kinderaugen nahm die Anzahl der nörgelnden, schimpfenden Kinder immer mehr zu. Nichts war ihnen mehr gut genug. “Ich wollte kein Buch, ich wollte ein PC Spiel!” oder “Was soll ich mit dem Puzzle, ich wollte doch ein Puppenhaus!” Genervt hatte Nikolaus sich die letzten Jahre immer die Ohren zugehalten und still das undankbare Geschimpfe dieser Kinder ertragen. Hatte es für diejenigen Kinder ertragen, die sich noch über einen mit süßen Leckereien bepackten Teller mit einem kleinen Geschenk drauf, über eine bunte Haarspange oder ein Paar lustig bestickte Socken freuen konnten. Aber dieses Jahr waren ihm die Säcke auf seinem Rücken erstmals wie eine schwere Bürde erschienen. Weil sie ein Ungleichgewicht hatten, dass sich wie ein schwerer Felsbrocken auf sein Herz legte, ihn anstatt fröhlich gestimmt, sehr traurig machte. Denn wo einige Säcke unnötig prall gefüllt waren, waren andere fast leer, waren so leicht wie eine Feder und trugen sich dennoch so schwer wie ein Zentner Blei. Nikolaus spürte wie seine Wut verrauchte und einer unendlichen Traurigkeit Platz machte. Seine Augen füllten sich mit Tränen.
Er dachte an die vielen traurigen kleinen Gesichter, die er dieses Jahr hatte ansehen müssen. Wie sie so taten, als ob sie sich freuten, über die kleine Tüte mit den bunt verpackten Schokoladenkugeln, mit dem kleinen Schoko-Nikolaus drin. Um ihre Eltern nicht zu enttäuschen, schluckten sie würdevoll ihre Traurigkeit hinunter. Und innerlich weinten sie, ganz allein für sich, fragten sich, warum viele Kinder die frech und gemein waren, Puppen, Feuerwehrautos oder teure Spiele vom Nikolaus bekamen. Und sie selbst nur ein Beutelchen Billigschokolade. War der Nikolaus böse auf sie? Warum? Sie waren doch immer lieb zu ihren Mitmenschen gewesen!
Nikolaus konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten, in Sturzbächen rannen sie über sein Gesicht, schmeckten nicht wie früher süß nach Freude und Glück, sondern nun bitter nach Verzweiflung und Trauer. Die Kinder hatten den Glauben an ihn verloren. Für sie war er nicht mehr der liebe Nikolaus, der ihnen ein Stück Freude schenkte - sondern der Mann, der die reichen Kinder reich beschenkte und die armen Kinder mit armseligen Schokokugeln abspeiste - oder die armen Kinder ganz vergaß. Nikolaus schluchzte laut, bei dem Gedanken daran, wie viele Kinder in diesem Jahr noch nicht einmal Schokolade bekommen hatten. Nichts. Weil selbst das kleinste Schokoladenbeutelchen noch zu teuer gewesen war, für manche armen Eltern. Vor allem für diejenigen, die mehrere Kinder hatten. Die Kinder gaben nun ihm, dem Nikolaus, die Schuld daran. Nikolaus konnte verstehen, dass die Kinder das dachten. Woher sollten sie auch wissen, dass nicht er, sondern etwas dass sich “Hartz” nannte an dieser Ungerechtigkeit schuld war.
Er seufzte schwer. Irdische Wesen hatten seinen einst mit Freude erwarteten Gedenktag seiner Bestimmung enthoben. Der Nikolaustag war nur noch eine Farce, brachte reichen Kindern Konsum – und armen Kindern Enttäuschung.
Nikolaus fühlte sich elend. Seine Bestimmung, Freude zu schenken, ließ sich von Jahr zu Jahr schwieriger erfüllen. Er war machtlos, konnte nichts tun gegen diese Ungerechtigkeit. Das Einzige was er für die Kinder tun konnte war, sie auch weiterhin Jahr für Jahr am Nikolaustag zu besuchen. Um ihnen Leckereien und Geschenke zu bringen, je nachdem, was ihre Eltern für sie vorgesehen hatten. Müde erhob er sich aus seinem Schaukelstuhl. Er würde sein Amt selbstverständlich weiterhin ausführen. Das mit der Kündigung, das war ihm in der Wut rausgerutscht. Er schämte sich jetzt dafür. Gott sei Dank hatte keiner seine groben Worte gehört. Wenn er, der Nikolaus, sich aus seinem Amt zurückziehen würde, dann wären die Kinder noch mehr enttäuscht, als sie es jetzt schon waren. Das wäre ja, als ob er sie im Stich lassen würde! Nein, das kam gar nicht in Frage.
Mit fest entschlossenen Schritten und geheimnisvollem Lächeln im Gesicht marschierte er auf den Haufen ungeordneter Leinensäcke zu. Faltete sie nacheinander ordentlich zusammen, strich sie liebevoll mit den Händen glatt und räumte sie zurück in die Truhen. Als er alle verstaut hatte nahm er das hohe Glas aus dem Würzregal, dessen Inhalt er sonst nur für schwerkranke Kinder verwendete. Er verteilte einen Teil des feinen goldenen Staubs über die gestapelten Leinensäcke und schraubte das Glas danach wieder fest zu. Dann klappte er die Deckel runter und verschloss die Truhen mit seinem goldenen Schlüssel. Nahm dann behutsam das Glas in beide Hände und stellte es vorsichtig ins Regal zurück, mit dem Schriftetikett nach vorne. “Hoffnung” – stand darauf. Nikolaus lächelte. `Alles wird gut´.
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geschrieben irgendwann anno 2006
( Soft-Science-Fiction-Versuch)
Mission Heiliges Wasser
( 1. Teil )
Irgendetwas hatte mich geweckt. Mühsam öffnete ich die Augen und stellte verwundert fest, dass alle Lichtkegel im Raum eingeschaltet waren. Eigenartig. Ich war mir völlig sicher, dass ich sie vor dem Einschlafen ausgeschaltet hatte.
„Sei gegrüßt, Kolja“, vernahm ich eine vertraute Stimme neben mir.
Überrascht wandte ich den Kopf zur Seite: „Pankraz? Du?“
Er schmunzelte und zupfte vergnügt an seinem Schnauzbart herum. „Sieh mich nicht an, als wäre ich ein Geist. Ich habe einen Eilauftrag für dich, darum musste ich dich so unsanft wecken.“ Mit einem breiten Grinsen im Gesicht musterte er meine mit bunten Fischen bedruckte Schlafkleidung.
Ich ignorierte seinen belustigten Blick. „Nun sag schon, was ist das für ein Auftrag?“ Mein Herz klopfte erwartungsvoll.
„Unser Bestand an heiligem Wasser ist fast aufgebraucht. Du musst wieder runter auf die Erde fliegen, um die Tanks aufzufüllen.“
Ich spürte, wie meine Augen feucht wurden, vor Freude.
„Freu dich nicht zu früh“, warnte er eindringlich, „denn dieses Mal wirst du mit Eskorte hinunter fliegen: Arestus und Karbon werden dich begleiten.“
Ich erstarrte. „Kyras Leibgarde!“
Er nickte mitleidig. „Sie hat darauf bestanden, dass die beiden jeden deiner Schritte überwachen. Damit du nicht wieder, wie beim letzten Mal, auf die Idee kommst, es dir da unten gemütlich zu machen. Aber trotz deiner Verfehlung bist du nun mal der beste Mann für diesen Job, sagt Kyra. Und jetzt steig endlich aus der Schlafkoje, es ist höchste Zeit, das Spider-Ship ist schon startbereit.“
„Oh, nein, nicht schon wieder mit diesem alten Rumpel-Schiff!”
Das Spider-Ship rappelte und dröhnte, schüttelte uns durch auf diesem Flug durch Raum und Zeit. Ich fühlte mich unwohl dabei. Denn Karbons äußerst bescheidene Flugkünste waren mir ebenso gut bekannt, wie die Eigenmächtigkeit, die das alte Schiff unerwartet an den Tag legen konnte. Ich hatte starke Bedenken ob wir jemals sicher auf der Erde ankommen würden und faltete heimlich schon mal meine Hände, zum letzten Gebet.
„Es ist Zeit, zieh dich um“, brummte Arestus mir übellaunig zu.
Gehorsam zog ich die „Fellachen-Kleidung“ an, die Kyra nach Bildern der Überlieferung hatte anfertigen lassen. Für den Fall, dass ich von Einheimischen gesehen wurde, würde ich so kein Aufsehen erregen.
Als das Spider-Ship hinter dem Palmenhain aufsetzte, atmete ich erleichtert auf.
„Okay, Kolja. Raus mit dir. Und denk dran, wir haben dich genau im Auge!“ Arestus wies in seiner typisch arroganten Manier mit seinem Kopf zu einem kleinen Bildschirm, an dem Karbon gerade die nötigen Einstellungen vornahm.
Ich nickte, öffnete die Luke und trat hinaus.
Die Kühle der Nacht drang in meine Lungen. Ich atmete mehrmals tief ein und aus. Was für eine herrlich klare Luft! Mit geübten Handgriffen entsicherte ich im Dunkeln den Laderaum, öffnete die Spule, entnahm ihr den eingerollten Schlauch und hängte ihn um eine Schulter. Nachdem ich den Saugschlauch vorschriftsmäßig an den ersten der sechs leeren Wassertanks angeschlossen hatte, pirschte ich mich so leise wie möglich an den Fluss heran, watete einige Meter hinein, senkte den Schlauch ins Wasser und schaltete die Saugvorrichtung ein. Sofort spürte ich das schon vertraute Vibrieren in den Händen.
„Nil“ nannte Kyra dieses Gewässer und laut unseren Überlieferungen war es ein „heiliger Fluss“, weil sein Wasser heilende Kräfte hatte. Schon oft hatte ich mich gefragt, ob es tatsächlich die Kraft dieses Wassers war, die die Lungenkrankheit von uns Marsianern eindämmte, oder ob vielleicht nur der Glaube daran, dass das Wasser aus dem Nil heilende Kräfte hatte, diese Linderungen bewirkte. Ich traute mich aber nicht, diesen Gedanken laut auszusprechen, denn damit würde ich mir Kyras Zorn zuziehen.
Über mir sah ich die Sterne am Himmel funkeln. Ihr sanftes Licht legte ein geheimnisvolles Glitzern über das Wasser. Sehnsüchtig warf ich einen Blick in die Ferne.
Bei meinem letzten Besuch hier hatte ich mich dazu hinreißen lassen, nach dem Füllen der Tanks die Tarnglocke über dem Schiff einzuschalten, um eine ausgedehnte Wanderung ins Landesinnere zu unternehmen. Bei Tagesanbruch hatte ich mich neugierig unter die Einheimischen gemischt, mir die vielen appetitlichen Früchte angesehen und die köstlichen Düfte eingeatmet von gebratenem Fleisch, frisch gebackenem Brot und starkem Kaffee. Diese Lebensmittel gab es, in dieser Form, nicht bei uns auf dem Mars. So hatte ich mich damals verliebt in dieses Land, dass Kyra „Ägypten“ nannte.
Ich konnte nicht verstehen, warum unsere Vorfahren das Leben auf der Erde kampflos aufgegeben hatten und auf den Mars geflüchtet waren. Terror und Angst, so hieß es in den Überlieferungen, gehörten damals zum Leben wie das tägliche Essen. Als meine Vorfahren die Flucht zum Mars angetreten hatten, waren sie sich völlig sicher gewesen, dass ihre heimlich entwickelten Technologien ihnen genug Sauerstoff verschaffen würden, um auf dem Mars ein normales Leben führen zu können. Aber sie hatten nicht damit gerechnet, dass ihr sorgfältig ausgeklügeltes System das Leben auf dem Mars zwar möglich machten, aber die Bewohner fortan ihr Leben lang mit schweren Lungenkrankheiten zu kämpfen haben würden. Wenn ich es mir hätte aussuchen dürfen, dann wäre ich lieber auf der wohlriechenden Erde, als auf dem stickig dampfenden Mars geboren worden. Ich hätte es gerne in Kauf genommen, dass mir ein von Angst beherrschtes Leben beschieden gewesen wäre, hätte um mein Dasein gekämpft und dafür meine Lungen mit dieser wunderbar frischen Luft füllen können, die den Kopf so klar und das Herz so weit machte.
Ein leises Piepsen drang an mein Ohr. Der erste Tank war voll. Ich schaltete schnell den Melder aus und blieb einen Moment lang regungslos stehen. Nichts bewegte sich rundherum. Kein Ton war zu hören. Dann ging ich vorsichtig den Weg zurück und klemmte den Saugschlauch an den nächsten Tank an.
Die zwei Stunden, die für das Abfüllen nötig waren, vergingen mir viel zu schnell. Schon war der Zeitpunkt des Abschieds gekommen.
Schweren Herzens wickelte ich den Schlauch wieder auf die Spule und sicherte dann den Laderaum von außen ab, mit so langsam behäbigen Bewegungen, als wenn ich die Zeit damit aufhalten könnte. Es widerstrebte mir, ins Schiff zu steigen und wieder nach Arche-Town zurück fliegen zu müssen. Wie leicht wäre es gewesen, jetzt einfach drauflos zu laufen und ins Landesinnere zu fliehen! Die Tanks waren voll, die Mission somit erfüllt. Deshalb würden sich Arestus und Karbon nicht die Mühe machen, mich wieder einzufangen. Sie würden Kyra irgendeine üble Geschichte über mich auftischen und sich selbst als Helden darstellen. Aber ich musste auch an meine kleine Schwester denken. Seit dem Tod unserer Eltern war ich verantwortlich für Ellin. Urplötzlich ergriff ein Gedanke von mir Besitz, entzündete ein helles Licht in meinem Kopf: Vielleicht wäre es ja möglich, zusammen mit Ellin auf die Erde zu fliehen?
„Von mir aus kannst du hier Wurzeln schlagen“, hörte ich Arestus´ feindselige Stimme hinter mir, „wir fliegen jetzt zurück, Kolja. Entweder du steigst jetzt ein – oder bleibst, wo der Pfeffer wächst!“
`Das könnte dir so passen, Arestus´, dachte ich zornig und schluckte die spitze Bemerkung stumm hinunter.
Ich ließ noch ein letztes Mal meinen Blick über den silbrig glänzenden Nil gleiten. Ein Gefühl der Zuversicht machte sich in mir breit. Ja, ich war mir sicher, mit guter Vorplanung würde die Flucht glücken. Sie musste! Schon bald würde die Zeit kommen und ich würde für immer hier bleiben, mit meiner kleinen Schwester. In Ägypten, dem Land des heiligen Wassers.
Mit einer nie gekannten Vorfreude im Herzen stieg ich ins Spider Ship ein.
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