Momentaufnahmen

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geschrieben am 25. März 2009

Porzellangesicht

Strahlend weiße Zähne aus einem breit lächelnden Mund – Emilia hasste ihr puppenhaft eingemeißeltes Spiegelbild, auch die gestellte Fröhlichkeit, die sie dem Blick ihrer braunen Augen zu geben vermochte. Nur sie selbst sah die unendliche Traurigkeit darin, anderen blieb sie verborgen.

`Jahre lange Übung, macht eben den Meister´, ließ sie stumm ihrem Sarkasmus ein wenig Lauf. `Porzellangesicht, veränder´ dich nicht, denn nur so … wollen sie dich´. Wen interessierte schon, wie es in ihr aussah, wie sie sich fühlte, was sie dachte. Keinen Menschen interessierte es… auch Emilia selbst, interessierte es schon lange nicht mehr.
`Alles im Leben hat seinen Preis, und ich hab entschieden, so zu sein, wie sie mich haben wollen, also, warum so traurig?´
Sie besaß ein prall gefülltes Bankkonto, hatte bereits die halbe Welt bereist, traumhaft schöne Strände und Städte gesehen, war in der Welt der Reichen und Schönen zu Hause, das alles war doch so viel mehr – … als das Häuschen im Grünen, dass Frank ihr hätte bieten können. War doch viel mehr wert, als seine Liebe zu ihr, die in seinen Augen erlosch, als sie sich gegen ihn und für die Karriere entschieden hatte.

„Emilia! Wo bleibst du denn? Spiel hier nicht die Diva! Höchste Zeit, es geht gleich los!“ Bernard hämmerte wütend an die Tür.
„Sorry, hab nicht auf die Uhr geguckt, ich komme sofort!“ ließ sie zuckersüß ihre Stimme nach draußen dringen, wohl wissend, dass sie Bernard sofort besänftigen würde.
„ Okay, bitte beeile dich, es ist wirklich höchste Zeit, der Saal ist proppevoll, wir müssen loslegen, die werden schon ungeduldig.“
Sie hörte, wie seine Schritte sich entfernten.
Prüfte im Spiegel ihren Gesichtsausdruck, regulierte ihn, bis sie aussah, wie die Meute sie sehen wollte, so, wie es zum Thema passte. Erhob sich dann schwungvoll.
Fühlte ihre langen schlanken Beine, die sie wie immer fest und sicher tragen würden, hinaus aus der Garderobe, auf den nächsten Laufsteg, auf die nächste Sprosse ihrer Karriereleiter. Die Modenschau heute Abend war besonders wichtig. Die Reichsten der Reichen waren versammelt.
Emilia trat auf den Flur. Zog ihre Garderobentür fest hinter sich zu.

Schloss sie ein, die Sehnsucht, nach der zärtlichen Männerhand die früher einmal liebevoll ihr Gesicht liebkost hatte. Schloss sie ein, das dunkle Blau der Augen, das ihrem Herzen einst Wärme schenkte und den Körper, der immer wieder aufs Neue die Leidenschaft in ihr entfacht hatte. Schloss sie ein, weg, die Erinnerungen. Richtete ihren Blick entschlossen nach vorn.
Der Laufsteg rief. Und sie lief ihm eilig entgegen. Ihm, und ihrem erwählten Leben.

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geschrieben am 28. November 2008

Johann feiert Advent

Bis zum letzten Jahr hatte er noch selbst Plätzchen gebacken. Doch durch das Rheuma in seinen Fingern war das Kneten des Teigs und auch das Hantieren mit den kleinen Gebäckteilchen für Johann so beschwerlich gewesen, dass er, nachdem alles fertig und die Küche wieder blank und sauber war, völlig erschöpft auf seinem Ohrensessel eingeschlafen und erst am späten Abend wieder aufgewacht war. Darum hatte er beschlossen, das voradventliche Back-Ritual aufzugeben. Es hatte ihm sowieso keinen rechten Spaß mehr gemacht, ihn eher wehmütig werden lassen, weil er alleine backen musste, seit seine Emma vor vier Jahren zu den Engeln gegangen war.
Nun hatte er das Spritzgebäck bei Bäcker Karl gekauft. Emma würde es ihm verzeihen, dessen war er sich gewiss.
Vorsichtig entleerte er die zwei Tütchen in die weihnachtliche Gebäckdose, drückte vorsorglich den Deckel drauf und stellte sie auf den Wohnzimmertisch, auf das Spitzendeckchen, auf das seine Emma vor mehr als zwanzig Jahren mit ihren geschickten Händen vier kleine Tannenzweige – jeweils verziert mit einem Tannenzapfen und einer Kerze – gestickt hatte.

So, der erste Schritt war geschafft. Ein Blick aus dem Fenster in das ungemütliche Nieselwetter erfüllte Johann nicht gerade mit Vorfreude auf seinen bevorstehenden Spaziergang. Aber es nützte nichts. Er musste raus. Zum Weihnachtsmarkt. Wo er – wie in jedem Jahr am Samstag vor dem ersten Adventsonntag – einen Adventkranz kaufen würde. So, wie er und Emma es über viele Jahre hin gemacht hatten. Erst würde er, wie immer, beim Pfarrgemeinderat vorbeischauen, der dort immer am Samstag vor dem ersten Advent an einem Stand kostenlosen Glühwein ausschenkte.
Johann hasste Glühwein. Er lag ihm immer so schwer im Magen und hinterließ einen so unangenehmen Geschmack im Mund. Aber Emma hatte immer gemeint, es `gehöre sich so´, dass man sich `zeigt´, wenn der Pfarrgemeinderat `so was´ macht. Und es gehöre sich so, dass man den Glühwein dankend annimmt und trinkt, auch wenn man ihn nicht mag. Ebenso gehöre es sich auch, ein bißchen mit den Leuten zu reden, die dort am Stand zusammenkamen. Und außerdem tue es einem auch gut, mal wieder `unter die Leut zu gehn´n ´. Womit seine Emma tatsächlich recht hatte. Trotz des ekligen Glühweins machte es Johann in jedem Jahr Spaß, mal wieder mit den Leuten zu plaudern, vor allem mit denjenigen, die sich übers Jahr meist in ihren eigenen vier Wänden einigelten – doch wenn der Pfarrgemeinderat was veranstaltete, dann kamen alle aus ihren Löchern. Pflichtschuldigst. Weil es sich so gehört, das man hingeht. Und hinterher ist man froh, dass man hingegangen ist und diesen und jenen mal wieder getroffen, nette Allerweltsgespräche geführt hat.

Plötzlich hatte Johann es sehr eilig. Schnell zupfte er das Spitzendeckcken noch ein bißchen anschaulicher zurecht, rückte die Gebäckdose zwei Finger breit weiter nach links, damit genug Platz war, um den Adventskranz daneben abstellen zu können, wenn er nach Hause kam.
Dann zog er seinen Wintermantel an, zog den Hut auf, steckte sich noch schnell eine Plastiktüte ein, in der er den Kranz gut transportieren würde können und verließ dann eilig das Haus, so als hätte er einen dringenden Termin. Und genau genommen, hatte er den ja auch.
Denn es war fast 16 Uhr. Und bestimmt waren Bäcker Karl und seine Martha schon am Stand. Und Wilhelm auch, sein früherer Klassenkamerad, der einzige, der, wie Johann, noch im Dorf lebte… von den wenigen, die überhaupt noch lebten, aus ihrer damaligen Schulkasse.
Die drei warteten sicherlich schon auf ihn. Denn im letzten Jahr hatten sie beschlossen, sich jedes Jahr zu diesem Anlass um 16 Uhr am Glühweinstand zu treffen, um den Adventbeginn zu feiern, denn man wisse ja nie, wie oft es einem noch beschert sein würde. Immerhin waren sie alle vier schon weit über die siebzig.
Im letzten Jahr hatten sie sich dann so blendend unterhalten, dass Johann fast vergessen hatte, einen Adventskranz zu kaufen und als es ihm wieder einfiel, waren die schönsten Gestecke schon verkauft gewesen. Am besten, er würde sich dieses Jahr erst einen Kranz aussuchen und reservieren lassen, bevor er zum Glühweinstand ging. Ja, so würde er es machen. Bestimmt würde ihm Emma auch dazu raten, es so zu handhaben. Ja, so war es eine gute Lösung.

Zufrieden lächelnd über seinen guten Einfall marschierte Johann forschen Schrittes durch den Nieselregen, der ihm die aufkommende Vorfreude nicht nehmen konnte… und die ihm auch der bevorstehende eklige Glühwein nicht nehmen konnte, den Johann selbstverständlich wieder dankend annehmen und trinken würde, weil es sich so gehörte. – Er würde später eine Magentablette nehmen, die lag schon in der Küche auf der Anrichte bereit.
Morgen war der erste Adventssonntag. Und heute würde er mit anderen zusammen die kommende Adventszeit willkommen heißen. Er freute sich auf das angeregte Geplauder, freute sich ebenso, dass er noch unter den Lebenden weilte und auch in diesem Jahr wieder daran teilhaben konnte. `Advent, Advent, ein Lichtlein brennt …´ murmelte er vergnügt vor sich hin. Und als der Weihnachtsmarkt vor ihm lag, ließ er die festliche Beleuchtung freudig in sein Herz hinein.

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geschrieben am 30. November 2007

Der Hase Felix

“Das wird ja immer doller hier! Jetzt lassen die ihre Kleidung schon achtlos auf der Straße liegen!” wetterte Herr Massmann. “Die haben Geld zuviel! Genau, was ich immer sage. Vater Staat bezahlt denen ja brav alles. Die wissen das nicht zu schätzen. Wo soll das noch alles hinführen?” Er schüttelte mißbilligend den Kopf.
“Vielleicht war auch Altkleider-Sammlung und die Sachen sind aus einem Sack gefallen?” gab seine Frau zu bedenken und nahm die Kleidungsstücke auf dem Bürgersteig eingehender in Augenschein.
“Ach, was. Heute war keine Sammlung! Das Zeug ist von irgendwelchen Asis, sag ich dir.”
“Ach, Bertram. Nun sei doch nicht immer gleich so voreingenommen! Guck mal, da liegt auch ein Stofftier dabei.”
“Dann guck mal genauer hin, dann siehst du, dass dem Hasen ein Bein fehlt. Der war denen nicht mehr gut genug, als Spielzeug, genau wie die Kleidersachen, die waren wohl auch nicht mehr fein genug. Das Zeug wird dann einfach auf die Straße geknallt. Und dann sind die fertig damit… Asi-Pack!”
“Bertram! Jetzt ist aber gut!”
“Das waren bestimmt wieder so ne Mietnomaden!” gesellte sich die alte Frau Meier sensationslüstig zu ihnen. “Die ziehen bei Nacht und Nebel aus und verschwinden einfach, ohne ihre Miete zu bezahlen. Bestimmt waren das so welche, und in der Eile sind die Sachen dann aus einer Tüte gefallen. Die packen nämlich ihren nötigsten Kram in Tüten, die Möbel und alles andere lassen sie stehen und hauen dann einfach hab. Hab ich mal im Fernsehen gesehen.”
“Aber…” Frau Massmann sparte sich ihre Einwände und schüttelte nur noch resignierend den Kopf. “Komm jetzt, Bertram. Der Morgen ist bald rum. Ich hab noch zu tun.” Und packte ihren Mann energisch am Ärmel. “Tschüss, Frau Meier”, nickte sie der Alten verabschiedend zu.
Doch die hatte sich schon abgewandt und zeterte bereits mit Frau Gernhuber weiter, die gerade aufgetaucht war, scheinbar, um diesem Übel auf dem Bürgersteig ebenfalls einen Namen zu geben. “Das ist bestimmt von der Großfamilie, die da drüben in dem Haus wohnt!” brachte Frau Gernhuber neue Aspekte ins Spiel. “Die haben nämlich sieben Kinder, allesamt wild und verwahrlost, die Eltern saufen beide, bestimmt ist das was von denen!”
“Ja, genau, Asi-Pack! Sag ich doch”, rief Herr Massmann noch schnell über die Schulter, bevor er mit seiner Frau den Ort des Geschehens verlassen musste…

“Hier sind sie in Sicherheit, Frau Senner”. Die Sozialarbeiterin legte beruhigend die Hände auf die Schultern der zitternden jungen Frau. “Er wird es nicht wagen hier ins Frauenhaus zu kommen, um ihnen was anzutun. Außerdem weiß er gar nicht, dass sie hier sind.”
“Er wird uns finden! Er hat uns immer gefunden!”
“Es war richtig, dass sie mit ihrem Kind zu uns gekommen sind! Wir haben Möglichkeiten, ihnen zu helfen. Und die Polizei ist schon informiert. Legen sie sich doch bitte jetzt hin und versuchen sie zur Ruhe zu kommen. Sehen sie, ihr kleiner Sohn ist ganz ruhig am Schlafen. Er wird das alles verkraften.” Lächelnd sah sie zu dem kleinen Jungen im Bett, der mit einem Finger im Mund eingeschlafen war.
“Er hat die ganze Nacht geweint”. Die junge Frau konnte kaum sprechen, so sehr zitterte sie noch immer am ganzen Leib. “Wir haben unterwegs sein Lieblings-Stofftier verloren, seinen Felix. Und ein paar Kleidungsstücke sind auch aus der Tüte gefallen, ich habe keine frische Hose für Nico und…”
“Nun beruhigen sie sich doch, Frau Senner. Machen sie sich keine Sorgen. Wir gehen nachher zur Kleiderkammer und suchen passende Kleidung für sie und ihren Sohn aus, so dass sie fürs erste versorgt sind. Versuchen sie jetzt zu schlafen, bitte.”

Jutta Senner strich ihrem Sohn zärtlich übers wirre Haar. Lauschte auf seine ruhigen Atemzüge. Wie sollte sie ihn trösten, wenn er wieder wach wurde? Kein neues Stofftier würde ihm das Verlorene ersetzen können.
Sie schloß die Augen und versuchte zu schlafen. Mit den Bildern der letzten Nacht vor Augen, der Flucht vor ihrem aggressiven Ehemann.
… Sie sah einen einbeinigen Stoffhasen auf der Straße liegen. Irgendwo, auf irgendeiner Straße. Und ließ ihren Tränen freien Lauf.

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geschrieben am 3. August 2007

Ich denk an dich…

“Ich sitze hier und denk an dich. Weiß nicht warum. Es kam einfach so über mich, plötzlich war es da. Ich sehe deine Augen ganz deutlich vor mir. Wie sie mich immer angesehen haben, warm und zärtlich. Dein verschmitztes Lächeln, wenn du dir mal wieder eine kleine Überraschung für mich ausgedacht hattest. Dein schräger, lausbübischer Blick, wenn du mich mal wieder ein klein wenig `auf die Schulter´genommen hattest, ohne dass ich es sofort bemerkte.

Immer wenn ich an dich denke, dann denke ich auch an uns. Wie es damals war. Wie es hätte sein können, wenn wir uns nicht getrennt hätten. Warum hatten wir uns überhaupt getrennt? Ach ja, weil ich es so wollte. Weil ich dachte, es reicht nicht für ein Leben, sich nur gut zu verstehen. Weil ich damals noch den Traum vom Prinzen vor Augen hatte, der mich alleine mit seinem Anblick so verzaubert, dass ich die Augen nicht von ihm wenden kann. Wir waren noch jung und unerfahren, hatten noch keine Ahnung von dem, was im Leben wirklich zählt.

Ich hoffe, du bist glücklich geworden und hast eine Frau gefunden, die all das an dir zu schätzen weiß, was mir damals nicht genug war. Und die Frage, die mich am meisten beschäftigt: …Lebst du noch?…
…Er ist furchtbar für mich, der Gedanke, dass es dich nicht mehr geben könnte, auf dieser Welt. Warum? Weiß ich nicht. Einfach so.
Es ist nicht so, dass ich noch immer in dich verliebt wäre. Nein, nein, das ist es nicht. So richtig verliebt war ich ja auch damals nicht. Ich fühlte mich nur wohl mir dir. Geborgen. Weiter nichts.
Nun sitz ich hier und denk an dich. Und frage mich: Wo bist du?…”

“Renate! Bist du endlich fertig mit deiner Schreibkram-Ordnerei?” klang seine ungehaltene Stimme in den Keller hinunter. ” Hast du mal auf auf die Uhr geguckt? Gibt es heute kein Abendessen? Und Bier hast du auch wieder keines in den Kühlschrank gestellt! Herrje, an alles muss man selber denken.”
“Ja, Schatz. Komme sofort!” In Windeseile zerfetzte Renate das Blatt Papier in kleine Einzelteile und mischte die Schnipsel unter das Altpapier in der Papiertonne. Ihre persönlichen Gedanken gehörten nur ihr allein, die gingen, außer ihr, niemanden was an.
Vor ihrem geistigen Auge erschienen zwei belustigt drein blickende, braune Augen. Sie zwinkerten ihr lausbübisch zu.
Langsam stieg sie die Kellertreppe hoch. Ein warmes Lächeln lag auf ihrem Gesicht.

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geschrieben am 9. Mai 2007

Nur ein paar Tage

Ihre Ellbogen klebten an der fettigen Oberfläche des wackligen Tisches. Sie hob die grau verfärbte Tasse mit dem Espresso an die Lippen. Ihre Hände zitterten. Die Augenlider flatterten leicht, vor Nervosität.

„Bist wohl von zu Hause weggelaufen, Kleine“, raunte ihr eine tiefe, weibliche Stimme ins Ohr.
Jane erschrak und errötete bis in die Haarspitzen. Sie hatte nicht bemerkt, dass die Bedienung mit der fleckigen Schürze sich so nah an sie heran gestellt hatte.
„Brauchst keine Angst zu haben, Kleine“ ,flüsterte die ihr beruhigend zu, „ von mir erfährt keiner was. Bin selbst auch in meiner Jugend von zu Hause ausgebüxt.“
Sie knipste Jane eines ihrer müden Augen und nahm ihr die Tasse aus der zittrigen Hand. „Der ist doch schon kalt! Schmeckt dir wohl nicht? Hab ich mir gleich gedacht, Espresso ist nix für so junge Mädchen wie dich. Ich bring dir nen Pfefferminztee, der wird dir gut tun. Geht aufs Haus. Und… “, sie machte eine bedeutsame Pause, bevor sie ihr verschwörerisch ins Ohr flüsterte, ” falls du noch keinen Unterschlupf hast, zwei Straßen weiter, da steht eine alte Villa, schon halb abgerissen, aber ein Teil davon ist noch halbwegs bewohnbar. Paar alte Möbel stehen auch noch rum. Und den zwei alten Pennern, die da wohnen sagst du, Klara hat dich geschickt. Dann wissen die Bescheid, dass du von mir kommst und die halten dann dicht, falls die Polente dort nach dir sucht.“ Dann schlurfte sie wieder zur Theke.
Jane atmete erleichtert auf. Ihr größtes Problem auf dieser Flucht hatte sich soeben von selbst gelöst, zumindest für die nächsten Tage. Bestimmt würde es in der alten Villa vor Dreck und Staub nur so strotzen, vielleicht würden sogar Ratten herum laufen, vielleicht würden die beiden alten Männer sie lüsternd betrachten, aber das war ihr egal, das würde sie ertragen. Alles war besser, als weiterhin das Rumkrabschen ihres Stiefvaters erdulden zu müssen. Seit dem Tod ihrer Mutter kam er fast jede Nacht zu Jane ins Bett. Und drohte ihr, sie umzubringen, wenn sie jemandem davon erzählen würde.
Obwohl sie erst sechzehn Jahre alt war hatte sie sich in den letzten Monaten gefühlt, als wenn sie ihr Leben schon hinter sich hätte, war willenlos dem Mann ausgeliefert gewesen, der ihrer herzkranken Mutter Liebe vorgegaukelt und sich dann in ihrem Leben breit gemacht und nach ihrem Tod ihr Vermögen an sich gerissen hatte.
Erst als er vor einigen Tagen geldgierig und ohne mit der Wimper zu zucken das von Generation zu Generation vererbte Klavier ihrer Mutter verkaufte, war Jane aus ihrer Lethargie erwacht. Und fing an innerlich zu rebellieren, gegen diesen Mann, dessen bloßer Anblick ihr mittlerweile Ekel einflößte.
„Hier, Kindchen, dein Tee. Den trinkst du jetzt brav aus.“ Die alte Klara drückte ihr mit bestimmtem Griff eine hohe Tasse in die Hände. „Und jetzt packe ich dir noch eine Tüte voll mit was Anständigem zu Essen drin, für die nächsten Tage, für euch drei. Und ne Flasche Fusel und paar Zigaretten für die zwei Alten. Das ist für die dann wie Weihnachten.“ Sie lächelte Jane aufmunternd zu. „Du brauchst keine Angst zu haben, die zwei sind ganz lieb. Und egal, wer auch immer hinter dir her ist, die beiden werden dich wie zwei Löwen beschützen. Bei denen bist du sicher.“ Sie tätschelte Jane mit mütterlicher Geste kurz auf die Schulter, wandte sich dann abrupt ab und ging schleppenden Schrittes auf die kleine Küche hinter der Theke zu.

Jane sah ihr dankbar hinterher. Trank dann den Tee in kleinen Schlucken. Spürte wie der frische Duft der Pfefferminze ihre Gedanken klärte und sich gleichzeitig eine angenehme Wärme in ihrem Körper entfaltete. Und fragte sich, wann sie sich das letzte Mal so wohl gefühlt hatte.

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geschrieben am 6. Februar 2007

Marlene räumt auf

„So ein Käse!“ schimpfte Marlene und sprang vom Stuhl hoch. Und zog ihren Ring aus, bevor sie das verkippte Huhn-Geschnetzelte mit einem Küchenkrepp vom Boden aufhob und es zum Fisch von gestern in den Mülleimer beförderte.

Sie verfluchte Armin. Weil er sie schon wieder mit dem Abendessen versetzt hatte. „ Ich muss heute länger arbeiten, Schatz, warte nicht mit dem Essen auf mich, es wird spät werden“. Hach, ob er tatsächlich dachte, sie würde ihm seine Ausflüchte noch glauben? Lange Zeit hatte sie sie geglaubt, ja, aber nur, weil sie ihm glauben wollte. Als Reporter muss man schon mal Überstunden schieben, okay. Das hatte sie eingesehen. Und dass er keine Lust auf lange Gespräche und Zärtlichkeiten im Bett hatte, wenn er von 7 Uhr morgens bis spät in den Abend gearbeitet hatte – auch dafür hatte sie Verständnis gehabt.  Auch hatte sie Monate lang ohne Murren akzeptiert, dass er nach einer anstrengenden Woche, anstatt mit ihr zusammen etwas zu unternehmen, am Wochenende lieber vor dem Fernseher lag oder Spielchen am PC machte, um sich zu erholen. Erst als er auf einmal auch am Wochenende seiner Arbeit nachgehen musste und mit „Wird wohl Abend werden, mach dir einen schönen Tag, Liebling“ die gemeinsame Wohnung verließ – seltsamer Weise kein bißchen müde von der anstrengenden Woche und irgendwie erleichtert -  erst dann hatte Marlene die Gedanken zugelassen, die schon länger in ihr keimten.

Sie warf einen Blick über das Chaos in der Küche, auf den gedeckten Tisch, auf den Ring, den sie neben ihrem Teller abgelegt hatte. Zeit, um Aufzuräumen, dachte sie. Dann deckte sie den Tisch ab, spülte, warf ihren Ring zu Fisch und Huhngeschnetzeltem in den Mülleimer, brachte den Müll hinaus zur Tonne. Ging ins Schlafzimmer, nahm den großen Koffer vom Schrank und packte ihn voll mit Armins Kleidung. Stellte ihn dann vor die Wohnungstür. Schluss. Aus. Vorbei. -  Aufgeräumt.

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geschrieben am 2. November 2006

Sprachlos

“Kramer.”  – Keine Antwort. – ”Halloooo?”

“…….Hallo Brigitte.”

“Ja? Wer spricht da?”

“Ich bin´s”.

“Ähm…”

“Du erkennst meine Stimme nicht?”

Nein. Sollte sie? “Äh…sie kommt mir zwar bekannt vor, aber im Moment weiß ich nicht so recht…”

“Schade. Ich habe also nicht so einen nachhaltigen Eindruck bei dir hinterlassen, wie du, bei mir?”

“Wir kennen uns? Dann liegt es bestimmt am Telefon, dass ich deine Stimme nicht…tut mir leid, hilf mir doch mal auf die Sprünge, bitte.”

“Letzten Samstag, im Starfield, an der Theke, ich bin´s Joachim!”

“Aaahh. Na klar! Im Starfield ist es immer so laut, darum habe ich deine Stimme wohl am Telefon nicht gleich wieder erkannt. Sorry, Joachim, nimms nicht persönlich.” – Wer war Joachim? Sie konnte sich nicht erinnern.

“Ja, es war wieder ziemlich laut dort. Deine Stimme klingt am Telefon noch schöner, als ich sie in Erinnerung habe. Ich hatte solche Sehnsucht danach, wieder mit dir zu sprechen. Ich fand unsere Unterhaltung sehr anregend. Schade dass du schon gehen musstest, ich hätte dich gerne näher kennen gelernt. Ich glaube, wir sind füreinander bestimmt.”

Oh, Gott! Langsam dämmerte ihr, wen sie da an der Strippe hatte. Es verschlug ihr die Sprache.

“Brigitte? Du bist so still. Sag doch was. Ich weiß, du fühlst genau so wie ich. Ich konnte es ganz deutlich spüren. Wir haben uns gesucht, und gefunden.”

Sie konnte sich gerade noch abbremsen, um nicht laut zu lachen. Es war wohl eher so gewesen, dass Joachim sie gesucht und dann an der Theke gefunden hatte. Obwohl sie ihm bewusst den ganzen Abend über aus dem Weg gegangen war, weil ihr seine schmachtenden Blicke unangenehm waren. Als er sie dann doch noch aufgespürte und ansprach, hatte sie ein paar belanglose Worte mit ihm gewechselt. Weil er ihr leid tat, er war scheinbar alleine in der Disco und fand keinen Anschluss. Als ihr klar wurde, dass sie ihn den Rest des Abends nicht mehr loswerden würde, war sie mit einem “Muss jetzt leider gehen, muss Morgen früh raus, Tschüss, machs gut” – aus dem Starfield geflüchtet.

“Brigitte? Bist du noch dran? Wir müssen uns unbedingt wiedersehen und unsere Begegnung vertiefen. Hast du heute Abend Zeit? Ich würde dich dann so gegen 20 Uhr bei dir zu Hause abholen.”

Woher hatte er ihre Adresse? Und ihre Telefonnummer? Ihr wurde mulmig zumute. Es war wohl an der Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen. Sie gab sich einen Ruck. “Hör mal, Joachim. Es war ja ganz nett mit dir zu plaudern, aber mehr möchte ich nicht, okay?”

“Ist schon okay. Ich werde dir natürlich die Zeit geben, die du brauchst. Dann plaudern wir eben nur. Kann ich dich denn so gegen 20 Uhr abholen? Wir könnten irgendwo was essen und dann gehen wir es ganz langsam an.”

Sie war wohl nicht deutlich genug gewesen. “Joachim. Ich möchte mich nicht mir dir treffen! Ich habe kein Interesse daran, dich näher kennen zu lernen. Bitte akzeptier´ das!”

“Aber, wir können doch nicht einfach so auseinander gehen, als wäre nichts gewesen!”

“Joachim, da ist nichts gewesen, zwischen uns! Wir haben uns doch nur ein wenig unterhalten, mehr nicht.”

“Mehr nicht? Oh, Brigitte, es ist dir nur noch nicht bewusst: wir haben uns ineinander verliebt!”

Jetzt wurde es ihr langsam zu bunt. “Joachim, bitte, ich will nicht unhöflich werden. Lass uns das Gespräch jetzt im Guten beenden. Ich bin nicht in dich verliebt und möchte auch keinen weiteren Kontakt zu dir!”

Stille. War sie jetzt zu hart gewesen?

“Joachim”, versuchte sie es in sanfterem Ton, “tut mir leid, dass ich so direkt sein muss, aber ich möchte nicht, dass du dir falsche Hoffnungen machst. Sieh mal, es wäre nicht fair von mir, wenn ich mich mit dir treffen würde, dir damit Hoffnungen mache, die ich aber nicht erfüllen möchte.”

” …Ja, das ist wirklich fair von dir.”

Sie atmete auf. “Also dann, Joachim, ich wünsche dir alles Gute. Nichts für ungut, okay?”

“Ja, nichts für ungut. Okay. Ich hätte da wohl noch eine Frage…”

Seine Stimme klang bedrückt. Er tat ihr leid. Sie gab ihrer Stimme einen mütterlich-verstehenden Klang. “Ja, klar, frag nur.”

” Das Mädchen hinter der Bar, weißt du, die mit den brünetten langen Haaren…”

Brigitte stutzte. “Du meinst, Carla?”. Was hatte Carla mit all dem zu tun? Oder hatte die ihm etwa Brigittes vollen Namen gesteckt, so dass er mühelos ihre Telefonnummer herausfinden konnte?

“Ja, genau! Carla Bachner, die meine ich.”

“Nein, nicht Bachner, die heißt Höferer mit Nachnamen.”

“Aha…Danke.” – Klick.

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Geschrieben am 9. September 2006

Verbotene Früchte

Waschpulver, Milch, Cornflakes, Nutella, Fleisch. Irgendwas fehlte noch. Zu blöd, dass sie schon wieder ihren Einkaufszettel zu Hause hatte liegen lassen. Ach, ja, Nudeln fehlten noch! Hektisch schob Ruth ihren Einkaufswagen durch die Gänge und steuerte gezielt auf das Teigwarenregal zu. Spirelli oder Penne? Unentschlossen packte sie von beiden Nudelsorten je ein Paket in ihren Korb und wollte sich schnurstracks auf den Weg zur Kasse machen, als sie eine vertraute, prickelnde Wärme in ihrem Rücken spürte. Wie erstarrt blieb sie stehen.Ihr Herz pochte laut, ihr Atem beschleunigte sich. Ganz langsam drehte sie sich um und saugte dann seinen Anblick in sich auf, seine athletische Figur ebenso wie seine vor Freude strahlenden Augen, die ihr bis in ihre Seele zu sehen schienen.„Hallo“, sagte er. „Hallo“, sagte sie.

Sie lächelten sich kurz an. Stumm. Wie zwei Verbündete, die keine weiteren Worte brauchen, um sich zu verstehen. Dann drehte er sich abrupt um und bog in den nächsten Gang ein.

Ihr Herz raste. Ihre Hände zitterten. Ziellos irrte sie eine Weile durch die Gänge um ihre Sinne zu beruhigen. Wartete ab, bis sie sich wieder im Griff hatte und machte sich dann langsam auf den Weg zur Kasse.Sie sah die beiden schon von weitem. Ihn – und seine Frau. Sie verließ gerade mit dem Einkaufswagen den Kassenraum. Er stand noch an der Kasse und bezahlte die Rechnung. Ruth sah ihm dabei zu, wie er sein Portemonnaie mit langsamer Bewegung in seine Hosentasche steckte und dabei  flüchtig seinen Blick über die wartenden Kunden an den Kassen gleiten ließ. Auch wenn sein Blick, scheinbar, über sie hinweg glitt, so hatte sie doch das Blitzen in seinen Augen bemerkt. Es hatte ihr gegolten. Sie wusste es. Und er wusste es. Sonst wusste es niemand. Es durfte niemand wissen. Zu schlimm wären die Auswirkungen auf ihrer beider Leben, wenn jemand von ihrem Geheimnis erfuhr. Von dem, was mit ihnen beiden geschehen war,  vor einigen Wochen, am Rosenmontag, am späten Abend, im dunklen Hinterhof der Dorfschänke. Die Leidenschaft hatte sie beide überfallen, wie ein Wolkenbruch. Sie hatten keine Chance gehabt, sich dagegen zu wehren, hatten sich fallen lassen in diesen Strudel voller Gefühle von denen sie Stunden zuvor noch nichts geahnt hatten. Sie ließen einfach geschehen, was mit ihnen passierte. Und  bereuten nichts. Ruth lächelte versonnen. Dann packte sie ihre Einkäufe vom Einkaufswagen auf das Laufband und legte großzügig auch noch einige Schokoriegel für ihre Kinder, sowie zwei Packungen Zigaretten für ihren Mann mit dazu. Und ließ ihrem gewohnten Leben wieder seinen Lauf.

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